PopUp! Konzert in der Blechscheune Barkow
Ein Abend mit Felix Klieser und dem Zemlinsky Quartett
Wenn ein weltbekannter Hornist, der sein Instrument mit den Füßen spielt, auf ein Streichquartett von internationalem Rang trifft, entsteht ein Moment echter Magie. Am 8. Oktober verwandelten Felix Klieser und das preisgekrönte Zemlinsky Quartett die zum Landesposaunenwerk der Nordkirche in Barkow gehörende Blechscheune in einen Ort, an dem Weltklasse und Dorfcharme, Virtuosität und Menschlichkeit zu einem Abend von seltener Strahlkraft verschmolzen. Dass dieses Konzert überhaupt zustande kam, ist eine Geschichte für sich und eine, wie sie wohl nur in Barkow geschrieben werden kann. Rund 1.700 Menschen hatten beim Voting des NDR Kultur PopUp! Konzerts für Barkow gestimmt – eine Rekordzahl, die selbst die Organisatoren verblüffte. „Wir haben eben viele Freunde – auch in Argentinien“, schmunzelte Landesposaunenwart Martin Huss, der den Abend in der Blechscheune, eine gemeinsam mit den Blechbläsern renovierte Holzscheune, gemeinsam mit seiner Familie und den vielen Bläserinnen und Bläsern mit viel Herzblut organisiert hatte.
Felix Klieser begeistert mit seiner musikalischen Intensität, die zwischen expressiver Gestaltung und beeindruckender Leichtigkeit jedem Ton einen tiefen Sinn verleiht, seiner Ausstrahlung und seiner beeindruckenden Technik. Ohne Arme geboren, bedient er die Ventile mit dem linken Fuß, während das Instrument auf einem eigens konstruierten Ständer ruht – präzise, beinahe tänzerisch und mit einer Musikalität, die ihresgleichen sucht. „Ich liebe seine Musik. Ihn einmal hier bei uns in Barkow zu Gast zu haben, ist ein lang gehegter Herzenswunsch von mir“, strahlte Martin Huss, der seine Leidenschaft bekanntermaßen gerne mit allen teilt. Kaum hatte die Bläserjugend vom NDR Kultur PopUp! Konzert gehört, organisierten sie erst die Bewerbung und brachten dann die Abstimmung für Barkow – drei potenzielle Spielstätten waren im Rennen – erfolgreich ins Rollen. „Diese ganz besonderen Künstler hier bei uns in Barkow in dieser tollen Gemeinschaft mit so vielen Gästen erleben zu dürfen, ist einfach nur überwältigend“, schwärmte Martin Huss mit vor Bewegtheit bebender Stimme
Noch bevor der erste Ton erklang, hatte Klieser das Publikum längst für sich gewonnen – mit seinem feinen Humor, seiner offenen Art und einer Präsenz, die den Raum sofort erfüllte. „Ich
bin selbst in einem Dorf mit 180 Einwohnern groß geworden, aber in einem so kleinen wie Barkow war ich noch nicht. Wahrscheinlich verdreifachen wir heute Abend die Einwohnerzahl“,
lachte der Meister-Hornist, den der herzliche Empfang ziemlich beeindruckt hatte: „Schon jetzt habe ich das Gefühl, fast alle hier per Du zu kennen.“
Seit vielen Jahren musiziert Felix Klieser regelmäßig mit dem Prager Zemlinsky Quartett. Einem Streichquartett, bestehend aus zwei Geigen, einer Bratsche und einem Violoncello, das schon zahlreiche internationale Preise gewann und auf den großen Bühnen der Welt zu Hause ist. Längst hat sich aus der künstlerischen Zusammenarbeit eine tiefe Freundschaft entwickelt – getragen von gegenseitigem Vertrauen und einem sensiblen Verständnis für die feinen Nuancen der musikalischen und menschlichen Zwischentöne.
Zwischentöne, kurzweilige und humorige Anekdoten, sie waren es, die den exzellenten Musikstücken auf ganz eigene Weise noch zusätzlich Leben einhauchten: Klieser plauderte über Mozarts Leben und Schaffen, erklärte Eigenheiten der Instrumente und verriet charmante Details zu den Kompositionen ihrer Zeit. Warum das erste Stück, das Hornquintett Es-Dur, nicht mit den üblichen zwei Geigen, sondern mit zwei Bratschen gespielt wird? „So wird der Klang erst richtig rund“, erklärte der begnadete Hornist, griff zum Horn und hüllte, wie zum Beweis, die Zuhörer gemeinsam mit den Streichern in einen dichten, vollen und samtigen Klangteppich – farbenreich, warm und voller Magie. Auch in Mozarts 4. Hornkonzert führte Klieser das Publikum hinter die Kulissen der Musik: Die farbigen Notenblätter in Gelb, Rot, Blau und Schwarz hatten Musikwissenschaftler lange vor Rätsel gestellt, bis sich die Lösung als ebenso pragmatisch wie amüsant erwies: Mozarts Freund Joseph Leutgeb hatte ihm zum Schreiben der Noten einfach übrig gebliebene Tintenfarben überlassen.
Im dritten Satz des 2. Hornkonzerts wurde es dann besonders heiter. Warum? Die Geige von František Souček schien regelrecht über das Horn zu lachen, das, damals noch als Naturhorn, den von Mozart vorgebenen Tonfolgen kaum folgen konnte. Sensibilisiert für diese Besonderheit, verfolgte das Publikum amüsiert jedes kleine Zwinkern und jedes neckische Spiel der Geige, die sich zuweilen regelrecht hochschaukelte. Viel zu schnell neigte sich dieser außergewöhnliche Schmelztiegel aus atemberaubender Musik, feinem Humor und charmanten Anekdoten seinem Ende zu. Kaum verklangen die letz-
ten Töne, brandete grenzenlose Begeisterung auf, stehender Applaus, Jubel, Bravo-Rufe! Mehrmals kehrten die Musiker auf die Bühne zurück und belohnten das Publikum mit gleich zwei Zugaben: Eine schwebend leichte Mozart-Miniatur und eine warm leuchtende Romanze von Camille Saint-Saëns, in der das Horn noch einmal mit voller Poesie und strahlender Intensität aufblühte. Ein Strahlen, das sich in den Gesichtern der Zuhörer widerspiegelte und Martin Huss regelrecht zum Leuchten brachte. Sichtlich gerührt eilte er den Musikern entgegen, um seinen Dank nicht nur mit Worten, sondern auch mit liebevoll handgefertigten Köstlichkeiten zu übermitteln – kleine Kostbarkeiten, die perfekt zu diesem Abend voller Nähe, Herzlichkeit und musikalischer Magie passten.
Doch noch stand ein Finale der ganz besonderen Art aus: Gemeinsam mit fünf jungen Nachwuchstalenten des Landesposaunenwerks der Nordkirche stimmte Felix Klieser den Choral „Nun danket alle Gott“ an. Für die jungen Künstler ein unvergessliches Erlebnis. Schon einen Abend zuvor hatten sie gemeinsam geprobt. Der warme, goldene Bläserklang verwandelte die große, gemütliche Scheune noch einmal in einen leuchtenden Konzertsaal voller Gänsehautmomenten. Zurück blieb ein Gefühl vollkommener Ergriffenheit, bewegter Dankbarkeit und natürlich einer gehörigen Portion Stolz. Stolz auf diesen so besonderen Abend, der dank des NDRs und der vielen Unterstützer, medienwirksam weltbekannte Musiker nach Barkow gebracht hatte. Stolz auf die Barkower und die Musiker des Landesposaunenwerks und Stolz auf die kulturelle Vielfalt hier vor Ort.
Draußen vor der Scheune setzte sich die besondere Stimmung in der milden Herbstluft fort. In geselliger Runde tauschten die Gäste ihre Eindrücke aus, während Felix Klieser persönlich CDs und Bücher signierte und die Sehnsucht nach einer Fortsetzung dieses Abends beflügelte. Vielleicht wird aus der Sehnsucht ja Wirklichkeit: „Denn“, so der Künstler, „wenn ich mal wieder hier in der Nähe bin, komme ich gerne in Barkow vorbei!“
Jutta Sippel
Bild zur Meldung: PopUp! Konzert in der Blechscheune Barkow