Das Hundert-Fenster-Haus

Zarchlin, den 02.10.2018

„99 Fenster haben wir im Haus gezählt“, sagt Marianne Krüger, „aber vor ein paar Tagen haben wir das 100. entdeckt.“

Wer jetzt nur an mühsames Fensterputzen denkt, kennt das Konzept der neuen Eigentümer des Zarchliner Gutshauses nicht.

Denn Marianne und Daniel Krüger aus Berlin planen, sieben Wohnungen als Zweitwohnsitz in diesem Haus auszubauen, jeweils für sich selbst und andere, die einmal rauswollen aus dem Moloch Hauptstadt und nicht nur die Ruhe suchen, sondern auch Kommunikation und Begegnung. Das Konzept sieht mehrere Gemeinschaftsräume vor, außer dem obligatorischen Waschmaschinenraum auch Gemeinschaftsküche, -garten, -wohnräume.

 

Ländliche Ruhe einerseits, andererseits Bewegung im Sozialen. Die großzügige bauliche Hülle dafür herzurichten, ist zur Zeit in vollem Gange.

Erst 2017 kauften der Architekt und die Eigentümerin einer Werbefilmproduktion das Gutshaus, das zuvor, wie so manches andere, von Hand zu Hand wanderte. Jetzt aber wird an diesem wunderschönen neoklassizistischen Bauwerk von 1879 – klare Linien, zwei gleich lange Flügel, ein Mittelrisalit – umfassend Maß genommen. Ein Gerüst erschließt den Bauleuten die Fassade.

Den ungewöhnlich vielen und nach historischer Methode wiederherzustellenden Fenstern von Zarchlin wurden im Augustheft des Magazins für Denkmalkultur „Monumente“ der Stiftung Denkmalschutz sogar viele Seiten auf Hochglanzpapier gewidmet.

Wer genau hinsieht, erkennt aber, dass dieses Haus im Laufe der Zeit auch in Mitleidenschaft gezogen wurde. Viel Arbeit wird die Eigentümer erwarten. Wer ein Gutshaus restauriert, ist von historischen Gebäuden aber begeistert und hat Spaß daran.

Marianne Krüger, aus Österreich stammend, und ihrem Mann ist die Freude an diesem Haus anzusehen. Sie sitzen in einer Art Saal, im Rücken die vielen Fenster nach Süden raus mit ihren historischen Innenklappläden, und blicken nicht nur auf die großen Flügeltüren, die hohen Decken und den abgedeckten Dielenboden, sondern auch auf eine Art Vielzwecktisch, auf dem verstreut Papiere liegen, Rechnungen, alles Mögliche. Ein typischer Baustellentisch. Im Nebenraum läuft eine Maschine auf Hochtouren.

„Von historischen Gebäuden kann man lernen. Innenraumproportionen und Raumklima sind besser. Und früher hat man immer schon nachhaltig gebaut. Reparierbare Fenster, Lehmverputz, Kalkputz in Feuchträumen“, sagt Architekt Daniel Krüger.

Die alten Fenster zum Beispiel, weiß Tischler Holger Laesch, „sind teils aus Eiche, teils aus abgelagerter harter Kiefer gebaut.“ Das Zauberwort heißt hier: Leinöl. Holger Laesch verwendet Kitt aus Kreide und Leinöl, kaltgepresstes Leinöl als Grundierung des Holzes und schichtweise dünn aufgetragene Leinölfarbe. So sieht historische Fensterrenovierung in Zarchlin aus. Wände sind noch auf die alte wohnklimafreundliche Weise mit Lehm verputzt oder werden neu eingeputzt. Im Mittelalter gehörte das Gut zum Doberaner Klosterbesitz. Das Haus wurde für Hermann Schumacher erbaut, seit 1852 war er Gutsherr in Zarchlin.

Ab 1945 gab es dann auch in Zarchlin die allgemein bekannte historische Zäsur. Zu DDR-Zeiten wurde der große Bau als Rathaus, LPG-Gebäude und Konsum genutzt. Er wurde pfleglich behandelt. „Das große Entsetzen über später entdeckte Mängel blieb uns erspart“, sagt Marianne Krüger. „Wir hatten viel Glück alles in allem.“

– Quelle: https://www.svz.de/21211217 ©2018

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: Das Hundert-Fenster-Haus